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Pro Monarchie | ||||||||||||||
Die Habsburger
- eine etwas andere Perspektive Ein Historiker, der ernstgenommen werden möchte, schreibt nicht gerne die unvermindert enthusiastische Apologie einer Person, einer Klasse, einer Volksgruppe oder auch einer Dynastie. Doch was soll er tun, wenn er tatsächlich in Bewunderung aufgeht? Soll er auf seinen Ruf als Gelehrter mehr bedacht sein als auf die Ehrlichkeit seiner Überzeugung? Nun als Christ bin ich primär meinem Gewissen verpflichtet, und da ich für das Haus Habsburg seit meiner Kindheit eine ausgesprochene Verehrung besitze, kann ich auch hier nicht anders als meine reine Überzeugung niederschreiben. (Ich lebe in Baden bei Wien, dem Sitz des Miltäroberkommandos in den Jahren 1917-18, und so sah ich Kaiser Karl immer wieder auf seinen Fahrten, bei denen er von der Bevölkerung bis zum bitteren Ende umjubelt wurde.) Natürlich weiß ich genau, daß es so manche gekrönte oder regierende herrschende Habsburger gab, die diesen oder jenen Fehler hatten: Kaiser Franz Josef war ein Altliberaler, der darauf bestand, daß sich seine Offiziere duellierten [1], Ferdinand I. von Österreich würde heute das Thronerbe kaum angetreten haben [2], Rudolf der Stifter hatte das gefälschte Privilegium Maius auf dem Gewissen, Josef II. hatte seine erstaunliche, bis heute wirksame Popularität eigentlich nicht verdient [3]. Und dennoch, als Dynastie stehen durch acht Jahrhunderte die Habsburger und die Habsburg-Lothringer im Rahmen christlicher europäischer Geschichte ganz einzigartig da. Es gibt keine andere Dynastie, die nur annähernd mit ihnen verglichen werden kann. Sie sind zwar auch die österreichische Dynastie, die Casa de Austria, aber sie sind vor allem die Kaiser des ”Heiligen Römischen Reiches” und damit auch mit kurzen Unterbrechungen das deutsche Kaisergeschlecht. Überdies sind sie die globale Dynastie, die auch 60 Jahre hindurch (1580 bis 1640) über die ganze iberische Welt, also nicht nur über das spanische sondern auch über das gesamte portugiesische Weltreich geherrscht hatte. Und bis zum Jahre 1952 standen noch in den katholischen Meßbüchern die Gebete für die römischen Kaiser am Karfreitag und Karsamstag, die man auch in England [4], Belgien, Angola oder Uruguay verrichtete. Was stand doch in meinem ”Schott” [5] für den Karsamstag? ”Schau in Gnaden herab auf unseren tieffrommen Kaiser N. N. Du, o Gott, kennst seines Herzens Verlangen; schenke ihm mit seinem ganzen Volk nach Deiner unaussprechlichen Huld und Barmherzigkeit dauernden Frieden und einen himmlischen Sieg!” Wir wissen nicht, ob die Geschichte vom Grafen Rudolf von Habsburg, der sein Pferd einem Priester auf dem Wege zu einem Sterbenden mit dem Viaticum lieh und dann die Wiederannahme verweigerte, weil es doch den Leib des Herrn getragen hatte, eine Legende ist oder der Wahrheit entspricht. (Der Priester berichtete darüber dem Kurfürst-Erzbischof von Mainz, der dann bei der Kaiserwahl seine Stimme dem Schweizer Grafen gab.) Die Habsburger sieht man aber schon im Mittelalter einmal auf dem Thron von Böhmen und ein andermal von Ungarn, eine Verbindung, die jedoch erst durch die große Heiratspolitik des Erzhauses zementiert wird und so ihren Erbbesitz aus dem Boden der späteren Donaumonarchie wirklich sichert. Bella gerant alii! Wie oft ist dies schon zitiert worden, doch darf man da nicht vergessen, daß diese feine eingefädelten Ehen manchmal nur einen Rechtstitel schufen, die erst in Kriegen in die politische Realität umgesetzt werden konnte. Schon Maximilian, der ”letzte” Ritter, hatte Burgund - nach heutigen Begriffen nicht nur Nord- und Ostfrankreich, sondern auch die ganzen Niederlande - durch seine Heirat mit Maria, Tochter Karls des Kühnen, erhalten. Maximilian wiederum verheiratete seinen Sohn Philipp den Schönen mit Johanna, der Tochter und Erbin der ”Katholischen Könige” Ferdinand von Kastilien und Isabella von Aragon. Der früh verstorbene Philipp erlebte es nicht mehr, daß sein Sohn, als Karl V. römisch-deutscher Kaiser und König von Spanien und ein anderer Sohn Ferdinand, der Erbe nicht nur Österreichs, sondern auch Böhmens und Ungarns wurde. Das Reich Karls V. umfaßte aber nicht nur eine Art ”Ehrenherrschaft” über die westliche Christenheit, sondern konkreter das Heilige Römische Reich und noch konkreter Spanien mit allen seinen europäischen, amerikanischen und ostasiatischen Besitzungen. Bald aber hatte Spanien noch weitere Nebenländer wie Neapel, Sizilien und Mailand, die einmal auch den ”Wiener Habsburgern” zufallen sollten. Tatsächlich ging im Reiche Karls V. die Sonne kaum unter, doch später beherrschten die ”spanischen” Habsburger auch das Portugiesische Weltreich, das die Küsten von einem Großteil Afrikas, Südasiens und der Inseln des Indischen Ozeans kontrollierte. Der brutale, und daneben auch noch romantische und sentimentale moderne Mensch ist überzeugt, daß das häusliche Glück auf erotischer Verliebtheit beruht, [7] doch ist dem Großteil der Menschheit die ”Liebesehe” (mit kolossalen Scheidungsraten!) keineswegs das große Ideal. Der historisch gebildete Anthropologe ist sich bewußt, daß im weiten Erdkreis bei den großen Kulturvölkern wie bei den primitiven Naturkindern die Ehe andere Grundlagen hat als heute bei uns, [8] und der Skeptiker weiß, daß die Liebe blind macht und wder auf den Eros noch auf den Sexus Verlaß ist. Das realisieren auch die Habsburger. Sie waren wahrlich keine Tudors, aber lieb und gut zu ihren Frauen, wie es eben die Heilige Schrift vorschreibt. So wurden also die Habsburger durch Heiraten, Kriege, Verträge und sowohl kulturelle als auch religiöse Anstrengungen ”Kaiser des Abendlandes” und darüber hinaus die christlichen Schirmherren des Erdballs. Nein, die Habsburger hatten die absolute Macht zur Zeit des Absolutismus, doch wir hatten in Österreich keine Bastille, keinen Tower, kein Sibirien, keinen Heinrich VIII., keinen Iwan den Dräuenden, [10] keinen Vlad Dracul. Und der Spielberg? Vor wenigen Jahren nahm ich mit Bangen Silvio Pellicos Le mie prigoni [11] in die Hand ein Buch, das die alte Monarchie vor eineinhalb Jahrhunderten moralisch weltweit zum Pariah machte. Doch wurde ich als Kind des ”fortschrittlichsten” und daher bestialischten Jahrhunderts auf die angenehmste Weise überrascht. Denn obwohl Pellinco lockere Fußfesseln tragen mußte, wurde er von den Wärtern (und auch von den Ärzten) freundlich, ja liebevoll und respektvoll behandelt und von ihnen immer wieder in ihre Wohnungen zur Kaffeejause eingeladen, wo er auch mit den Töchtern flirten konnte. Stets wurde er als ”Signor” angesprochen, und als er nach seiner frühzeitigen Begnadigung den Minicio in das Königreich Sardinien überquerte, bedauerte er sehr, die schöne deutsche Sprache nicht mehr hören zu können. Im Jahre 1964 hörte ich eine Rundfunkübertragung aus Sarajevo, wo man zur Ermordung des Thronfolgerpaars ein Gedenkstunde hielt. Ein alter Teilnehmer an dieser häßlichen Verschwörung beteuerte immer wieder, daß er zwar verhört worden war, aber nie jemand Hand an ihn gelegt hatte. ”Bitte sagen Sie das ihren Hörern!” flehte er die Befrager immer wieder an. Natürlich war das für den alten Mann, der zuerst die Dynastie Karagjorgjevic und dann das Régime von Tito erlebt hatte, ein wahres Wunder gewesen! Nun gibt es aber nicht nur eine spanischen Legenda Negra, eine vorzügliche von England und den Niederlanden ausgehende Verteufelung von Spanien (natürlich einschließlich der spanischen Habsburger), sondern auch eine österreichische ”Schwarze Legende”, die von ganz Nordeuropa ausging und auch ein klein wenig von der Schweiz ”ernährt” wurde. (Willhelm Tell, Sempach! Dazu noch die Genfer Komplexe!) Als aber Sir William Wide (der Vater von Oscar Wilde) in das Metternich’sche Wien ging, um die Augenheilkunde zu studieren, kondolierte man ihm von allen Seiten. Der arme Mann! Das finstere, papistische, reaktionäre und habsburgische Österreich! Wie würde er das aushalten? Doch abgesehen von einer wahrhaft stupiden Buch- und Zeitungszensur [12] fand Sir William Wide das Leben in Wien ganz wunderbar und höchst kultiviert! [13] Wir erwähnten schon Edward Crankshaws Beobachtungen über Österreich, doch auch der politisch unbedeutende Adel war nicht (wie der preußische) ”höfisch versklavt”. Graf Adalbert Sternberg (ein aufrechter Monarchist) konnte im Herrenhaus sagen: ”Ich komme gerade vom Affenhaus in Schönbrunn ...” Hatte nicht schon Dr. Benjamin Rush, einer der Gründerväter der USA, beklagt, daß es ein Habsburger in der Toskana war, der die Todesstrafe abgeschafft hatte, während in Amerika das Problem damals noch nicht einmal diskutiert wurde. [14] Hatte denn nicht der Marchese Beccaria durch sein sensationelles Buch Dei delitti i delle pene die Folter in fast ganz Europa moralisch und damit auch gesetzlich unmöglich gemacht? Ein Italiener? Sicherlich, wenn mahn ihn ”national” betrachtet, doch er war habsburgischer Untertan und lebte im schwarzgelben Mailand, wo Maria Theresia die Scala mitfinanziert hatte. Heute verfängt die antihabsburgische Propaganda allerdings nicht mehr. Auch bei uns weiß nun fast jedermann, daß man in Österreich unter den Habsburgern eine kulturelle Glanzzeit durchlebt hatte, und von den spanischen Habsburgern hört man nun trotz des euromasochistischen Anti-Kolumbus Wirbels, daß sie den brutalen Conquistatoren sehr wohl auf die Finger geklopft hatten und in Lateinamerika nach dem Rechten sahen. Kein Wunder, daß beim ”Befreiungskampf” der Kreolen gegen die Bourbonen sich die Indios um die Krone scharten. Sie wußten, daß ihr Protektor in Madrid saß. Heute realisiert man weltweit unter wirklich Gebildeten, was für eine wunderbare Kulturarbeit unter der Ägide der Habsburger in Spanisch-Amerika vollbracht wurde. Man muß nur ihr Erbe mit dem der Briten in Nordamerika vergleichen, die nichts als ihre Sprache, ihre Gesetze und eine Vielfalt an Konfessionen hinterlassen haben. [15] Darum geht auch drüben der Touristenstrom von Norden nach Süden und nicht umgekehrt. Das heutige Elend Lateinamerikas? Es kam mit der Trias der ”Befreiung”, Republikanertum, ideologischer Tyrannis und Demokratie. Die Habsburger! Ja, natürlich, sie vertraten wie auch die Wittelsbacher die Gegenreformation, aber was wäre der ganze deutsche Süden und Westen mitsamt Österreich und Böhmen ohne katholische Kirche? Betrachten wie diese Frage einmal nicht konfessionell sondern kulturell. Als der große preußische Schriftsteller, der tragische Jochen Klepper, zum ersten mal Würzburg und Bamberg besuchte, war er tief bewegt. Dietrich Bonhöffer wurde in Rom aus seinem Gleichgewicht gebracht. Alexander Rüstow, kein katholischer Christ, sah in der Reformation eine wahre Katastrophe für die deutsche Kunst. [16] Doch die Habsburger konnten auch tolerant und liberal sein. Nicht nur der unglückliche Benedek (1866), sondern auch der letzte Generalissimus 1917, Arz von Straußenverg, war evangelisch. [17] Natürlich gab es im alten Österreich auch da und dort Intoleranz, und so durfte der Professor der Germanistik, Theodor Karaioannis, als Nichtkatholik nach 1858 nicht weiter auf der Wiener Universität dozieren, war er doch ursprünglich Grieche. Doch dafür wurde er viel mehr: Präsident der Akademie der Wissenschaften und von Kaiser Franz Josef geadelt. Er änderte seinen Namen auf Karajan. Und wer kennt nicht den Namen seines Urenkels? Auch Sigmund Freud, von der Universität nie ernst genommen, bekam zum Trost doch einen Professorentitel. (Warum auch nicht? Er gehörte zur ”rechten Reichshälfte”. Obwohl von der Linken immer gerne zitiert, hatte er ganz entgegengesetzte politische und auch moralische Ansichten.) Für die Musik hatten die Habsburger immer sehr viel übrig. Leopold I., der ”Türkenpoldl”, verfaßte Opern, und auch sein Sohn Karl IV. war Komponist. Mozart hatte die Protektion des Kaiserhauses. Für Kaiser Franz II. schuf Haydn die ”Volkshymne”, die man dann in Deutschland ”nationalisierte” und schließlich in Österreich feig unter den Tisch fallen ließ. Auch für die anderen Kunstzweige und die Wissenschaft hatte man im Kaiserhaus ein weites Herz. Der tragisch ermordete Thronfolger Franz Ferdinand verbrachte immer viel Zeit in den Archiven und Kammern des Kunsthistorischen Museums. ”Antisemitismus”? Den gab es bei den Habsburgern kaum, und kluge Israeliten (sie sind allerdings genauso selten wie kluge Christen) wußten dies immer sehr wohl. Alle Untertanen, genauso wie alle Kinder in einer heilen Familie, sind den Eltern lieb und teuer. Darum weigerte sich Kaiser Franz Josef auch lange, Lueger als Bürgermeister von Wien anzuerkennen. [18] Die Habsburger als Herrschergeschlecht des Erdenrunds waren nie kleinlich. Böse Mäuler konnen allerdings sagen, daß sie schon deswegen nicht eitel waren, weil eben keine Dynastie an Rang es mit ihnen aufnehmen konnte. (Darum sind auch Löwen und Elephanten relativ gutmütige und leicht zähmbare Tiere!) Als ein Husarenoffizier sich bei Joseph II. beschwerte, daß er in seinem Regiment keinen wirklichen Standesgenossen begegne, meinte der Kaiser, daß wenn er sich nur unter Seinesgleichen bewegen wolle, lediglich in der Kapuzinergruft herumspazieren müsse. Habsburger aber konnten stets auch sehr leutselig sein. Kaiserin Maria Theresia eilte im Schlafrock während einer Vorstellung des alten Burgtheaters in die Hofloge und rief hocherfreut dem Publikum zu: ”Der Poldl hat an Buam kriegt!” Sie waren auch keineswegs entrüstet, wenn man sie nicht hoheitsvoll behandelte. Als Kaiser Karl in einem Schützengraben hoch oben in den Dolomiten bei den Kaiserschützen einem fast achtzigjährigen Kämpfer begegnete, von dem ihm der Hauptmann sagte, daß er einfach mitgekommen sei und man ihn doch unmöglich abschieben könne, fragte ihn der Kaiser, ob er Familie hätte. Der Greis bejahte das und erzählte, daß er im Urlaub immer wieder zuhause nach dem Rechten sehen müsse. ”Wenn Sie wieder Urlaub machen”, sagte der Kaiser schließlich, ”dann grüßen Sie auch Ihre Frau von mir!” - ”Und du dei Oide von mir a’” erwiderte der Tiroler treuherzig. Doch auch die dunklen Seiten des Menschendaseins blieben den Habsburgern nicht erspart. Sie ertrugen sie männlich. So konnte Kaiser Franz Josef aufrichtig sagen, daß ihm nichts erspart geblieben sei: sein äußerst begabter Sohn endete tragisch, seine Frau wurde Opfer eines Anarchisten, sein Bruder wurde in Mexiko hingerichtet, sein Neffe in Sarajevo mit seiner Gattin ermordet. Fast immer waren es linke Fanatiker, die mordeten, und solche Leute waren es auch, die für die Zerstörung der Donaumonarchie verantwortlich waren, die das Werk, die Leistung der Habsburger vernichteten. Ein Frankreich hätte es auch ohne die Bourbonen, Schweden ohne die Bernadottes, ein Rußland auch ohne die Romanows und Hostein-Gottorps gegeben, aber nicht die Donaumonarchie ohne Habsburg und Habsburg-Lothringen. Ja auch nicht einmal das republikanische Kleinösterreich zwischen dem Rhein und der March kann man sich ohne dieses Herrscherhaus vorstellen. Umso verständlicher und moralisch schandlicher war dann der totale Bruch des ”neuen” Österreichs mit der Monarchie und auch mit allem, wofür das Haus Habsburg stand oder mit ihm organisch verbunden war: - das Wappen Das Herrscherhaus wurde restlos ausgeraubt, sodaß es eine Zeitlang in Spanien nur dank der Obsorge des Königs ein Dach über dem Kopf und einen gedeckten Tisch hatte. [19] Der Haß der braun-roten Linken begleitete die Familie des im Exil jung verstorbenen Kaisers und Königs auf ihrem weiteren Weg. Sein ältester Sohn wurde von den Nationalsozialisten als Hochverräter und Feind des Deutschtums gebrandmarkt und verfolgt, obwohl bald darauf der ”Größte Führer aller Zeiten” die deutschen Südtiroler an Mussolini verkaufte. Aber auch der Anführer der rotweißroten Menschewiken (Dr. Karl Renner), der im April 1938 zum Ja-Wort für Hitler aufgerufen hatte, versuchte 1945, den früheren Kronprinzen zu verhaften und auszuweisen... Doch die Habsburger trugen ihr Exil in Würde, ja in hoher Würde. Nie habe ich von den Lippen der verstorbenen Kaiserwitwe Worte der Bitternis oder der Verachtung über das Volk gehört, dessen öffentliche Vertreter den Undank der Massen doch immer wieder zum Ausdruck gebracht hatten. Wenn man einer Weltdynastie angehört, dann ist man über Nadelstiche erhaben. Das Wappen des Heiligen Römischen Reiches ist der Doppeladler. Man sieht ihn am halben Erdball - auf dem Dach der Kathedrale von Cambrai, auf Stickmustern der Navaho-Indianer im Südwesten der USA, auf Gebäuden in Mexiko, in den Wappen von Köln und Lübek, auf einem Palast in Nijmwegen und natürlich auch auf der Kathedrale von Manila. Ja, ein Brite, der vor etwas über 200 Jahren nach Wien reisen wollte, betrat schon in Ostende ”österreichisches” Gebiet. Wer aber ist heute noch genügend gebildet, um zu wissen, daß die Habsburger einst auch über Süditalien und selbst über Sizilien herrschten? Unvergeßlich bleibt mit das kleine katholische Kirchlein in St. Pauli neben der anrüchigen Reeperbahn, in der eine Tafel daran erinnert, daß österreichische Soldaten im schleswig-holsteinischen Krieg dort gefallen waren. Wie weit gingne die Grenzen des Habsburgerbesitzes? Bis 1555 war die ober Lausitz habsburgisch, bis 15 km vor Berlin. Polen bis ganz nahe an Warschau heran, die kleine Walachei, Nordserbien einschließlich von ”Griechisch-Weißenburg” (Belgrad) waren einst habsburgisch gewesen. Was für eine Familie! Doch könnte man sich fragen, inwieweit man biologisch von einer Familie wirklich reden darf, die seit einem Jahrtausend existiert, da in ihr doch ungezählte genetische Strähnen vorhanden sind. (Auch die berühmte Habsburgerlippe ging nach etlichen Generationen verloren.) Der Mensch aber ist nicht nur ein fleischliches, sondern auch ein geistiges Wesen, und da muß man den Einfluß, ja die Macht der Traditionen in Betracht ziehen. Was lehrte der Vater seienen Sohn und was erfährt der Sohn durch die Geschichtsbücher der Ahnen? Traditionen werden einem nicht durch Chromosomen in den Schoß geworfen. Sie müssen richtig erkannt, gepflegt und methodisch weitergegeben werden. Das aber war bei den Habsburgern zu einem sehr großen Teil der Fall gewesen. Wann immer dies bei ihnen fehlte, mußte dafür stets ein hoher Preis gezahlt werden. Doch das geschah glücklicherweise selten. Wir sagten schon, daß die Habsburger keine Ungeheuer hervorgebracht hatten - wie so manche andere Dynastie. Doch hatten sie in ihren Reihen auch keine ”flamboyanten” Herrscher, denn sie waren Grandseigneurs und keine Parvenüs, keine Herrscher die danach strebten, ”der Große” genannt zu werden, noch gekrönte Häupter, die sich an ihren Triumphen berauschten, irrsinnigen Prunk trieben, sich durch Weibergeschichten einen fragwürdigen Ruf erwerben wollten, das Geld zum Fenster hinauswarfen oder erfolgreiche Raubkriege führten. Die Habsburger waren immer auch menschlich und fürsorglich. Die kaiserliche Familie aß während des Krieges in Laxenburg und Baden nur im Rahmen der Lebensmittelkarten. Der kleine Kronprinz hätte gerne Fleisch bekommen, aber der Kaiser schlug es ihm ab. Die moralischen Gründe hätte er vielleicht nicht verstanden. Also sagte der Kaiser, daß sich dieses nur reiche Leute leisten könnten. Als General Arz von Straußenburg zur Audienz kam, fragte ihn der Kronprinz, was er denn zu Mittag gegessen habe. ”Ein Gulyás, kaiserliche Hoheit”, erwiderte der oberste Befehlshaber. ”Ein Fleisch!” rief der Knabe aus, ”ja bist du denn ein reicher Mann?” [21] Glück und Unglück wechselten auch bei den Habsburgern, doch das Unglück wurde mit Fassung und christlicher Zuversicht getragen. Marie-Antoinette starb ebenso heldenhaft wie Max von Mexico, Kaiserin Elisabeth oder das Thronfolgerpaar in Sarajevo. So auch Kaiser Karl, den ich eingangs erwähnte. Er führte ein heiligmäßiges Leben und starb einen heiligmäßigen Tod. Was kann ein Christ mehr verlangen? [22] Der Undank, nicht nur des Hauses, sondern des Volkes Österreich der Familie gegenüber, die ja das Land (auch von Bregenz bis Nickelsdorf und nicht nur die Donaumonarchie) geschaffen hatte, war sagenhaft. Die deutschen Fürsten bekamen (nach einer Volksbefragung) wenigstens eine Abfindung, die Habsburger aber nicht nur Exilsbestimmungen, sondern auch keinen roten Heller. Die Verhandlungen, die zur Rückkehr des früheren Kronprinzen führten, waren juridisch, aber vor allem moralisch höchst peinlich und für das Land äußerst beschämend. Die verwitwete Kaiserin bekam die Erlaubnis zum Heimatbesuch nur durch einen Gnadenakt, und jahrelang hatten die kleinen Kinder des ”Dr. Otto Habsburg-Lothringen” Pässe mit dem Vermerk: ”Gültig für alle Länder der Erde mit Ausnahme der Republik Österreich.” Zwei Söhne des letzten Kaisers sind immer noch verbannt. Als der ehemalige Kronprinz in die Heimat zurückzukehren trachtete, bekam er mehr als tausend zustimmende Briefe, aber über hundert, die ihn unfreundlich aufforderten, schön draußen zu bleiben. Nur zwei waren unterschrieben, alle anderen waren anonym, wie die Wahlzettel in einer Demokratie. Der ”Herr Doktor” beantwortete die beiden signierten Briefe, doch einer kam zurück, denn Name und Adresse waren fingiert, der andere war von einem ehemaligen Schutzbündler. [23] Den mutigen Ex-Schutzbündler, dessen Männerknie nicht vor einem leeren Thron zitterten und der auch seinen wahren Namen unter das Schriftstück gesetzt hatte, besuchte der Kaisersproß sogleich nach seiner Rückkehr in Wien. Er wurde freundlichtst bewirtet. Natürlich fungiert die Familie Habsburg auch im Staatsvertrag, denn dieser Name wirkt wie das Rote Tuch für die Epigonen von Robespierre, Marx und Himmler. Da haben sie einen gemeinsamen Nenner. Dieser Staatsvertrag ist ein kurioses, fast ”hermanovskysches” Dokument, denn nicht nur wollte es unbeugsame Habsburger exilieren, sondern auch Unterseeboote verbieten, die wir nicht bauen und besitzen dürfen. Die einzige große Wassermasse anno 1955 zwischen uns und dem roten Imperium war der Neusiedlersee. Er ist höchstens 4 Meter tief. Es hätte also technologischer Genialität bedurft, um U-Boote für diesen See zu bauen. Doch haben wir augenblicklich andere Sorgen. ____________________________ [2] Professor F.A. Woods (Harvard) hat in zwei Büchern, Mental and Moral Heredity in Royalty (New York 1906)und The Influence of Monarchs (New York 1913) festgestellt, daß die geistigen Fähigkeiten der Dynastien turmhoch über dem Durchschnitt (bürgerlicher als auch adeliger) Familien stehen. Allerdings ist bei ihnen auch die Häufigkeit von Geisteskrankheiten (wie in den Familien von Genies) zweimal so hoch. Ferdinand I. war nicht geisteskrank im engeren Sinn, sondern litt an einem Wasserkopf. Heute kommen geisteskranke Thronanwärter nicht mehr zum Zug oder werden als Monarchen abgesetzt. [3] Ihm verdanken wir zwar viele nützliche Reformen, aber auch einen unglückselig geführten Türkenkrieg, der uns um die Chance der Befreiung der Serben vom Türkenjoch brachte. Belgrad, 1789 erobert, wurde wieder aufgegeben. Und das führte zu Sarajevo. [4] Über die großen Feierlichkeiten in London zur Wahl Karls V. im Jahre 1519, die auch mit einer Messe in der St. Pauls Kathedrale in Anwesenheit des Königs zelebriert wurde, berichtet Garrett Mattingly in ”Catherine of Aragon” (Little Brown: Boston 1941; S 202-203). ”London streets echoed with cheers for the new emperor, for England and Burgundy.” [5] ”Schott” ist die landläufige Bezeichnung für die Bücher mit liturgischen Texten und Gebetbücher. [6] Ohne Rudolfs Sieg in der Schlacht von Dürnkrut und Jedenspeigen gegen Ottokar wäre Wien ein zweites Groß-Mesertisch geworden und nur dank der Habsburger liegt unsere Westgrenze nicht nahe beim Bahnhofsrestaurant von Attnang-Puchheim. [7] Eine These meines ”Das Rätsel Liebe (Herold: Wien, 1975) sieht nicht in Eros und Sexus, sondern - wie Thomas von Aquin - die Freundschaft als wahre Grundlage der Ehe. Die Treue gehört wesentlich zur Freundschaft (und nicht zum flatterhaften Eros oder Sexus) und daher ganz fundamental zur Ehe. [8] Jean Guitton verriet uns, daß ”Liebesehen” in den höheren Ständen Frankreichs einschließlich der bürgerlichen Kreise erst mit dem Beginn dieses Jahrhunderts in Mode kamen. [9] ”Power tends to corrupt, absolute power corrupts absolutely”. Wer die Macht gewohnt ist, für den ist sie auch weniger eine Versuchung zum Mißbrauch und eine Einladung zum Größenwahn. Da gibt es ein altes Sprichwort: ” Es sit kein Schwert, das schärfer schiert, als wenn ein Bauer zum Herren wird.” (Heute wäre nicht mehr der ”Bauer” das Paradigma, sondern der demagogische, wildgewordene, halbgebildete Spießer.) [10] Fälschlich ”der Schreckliche” (groznyi) [11] Dieses Buch kam ursprünglich 1832 heraus. Zuerst war Pellico sogar in den Bleikammern von Venedig, der Hitze ihn gar nicht beeindruckte. Verlichen mit seinen Leiden waren jene der nach Australien Deportierten, über die es jetzt eine reiche Literatur gibt, sehr gering. [12] Unter der Zensur litt ich mancherort. Sie war aber nicht nur politischer, sondern such ”moralischer” Natur. Und sie kam nicht nur von Regierungsorganen, sondern auch von Verlegern. [13] Siehe Sir Willam Wilde, Austria, Ist Literary, Scientific and Medical Institutions, Dublin 1943, deutsch herausgegeben von Irene Montjoye, Oscar Wildes Vater über Metternichs Österreich. Peter Lang 1989. [14] Siehe Letters of Benjamin Rush, herausgegeben von L.H. Butterfield, Princeton University Press, o.J. Brief an Jeremy Belknap, vom 13. Oktober 1789. [15] Man vergleiche nur einmal die Stadt Mexico mit Boston, oder innerhalb der USA den Südwesten, berühmt durch seine herrlichen Missionen mit dem eigentlich noch älteren Nordosten. [16] Siehe Alexander Rüstow, ”Lutherana Tragoedia Artis” in Schweizer Monatshefte, Dezember 1959, S. 891-906 [17] Der große Laudon, ein Balte, war ursprünglich Lutheraner und wurde erst als erfolgreicher Feldherr katholisch. [18] Es gibt auch einen Brief Franz Josephs an Kaiserin Elisabeth, in dem er sich bitter über die ”Antisemiten” beklagte. [19] Unser ehemaliger Kronprinz hätte auch König von Spanien werden können, doch wollte er nicht den Enkel Alfons XIII. um dessen Erbe bringen. 1922 rettete Alfons das physische Dasein der total ausgeraubten Kaiserfamilie. Er gab ihr eine Villa im Baskenland und bestritt ihren Haushalt. Der ”Dank des Hauses Österreich” bewährte sich hier... [20] In dieser Abdankungszeremonie ermahnte er seine Nachfolger, die Privilegien und Rechte ihrer Untertanen zu respektieren. [21] Persönliche Information des Generalstabschefs meinen Eltern gegenüber. [22] Ich war Ende März 1938 in Funchal und konnte mich davon überzeugen, daß dort die Leute sein Grab wie das eines Heiligen verehrten. Die Überführung seiner sterblichen Überreste (sie sind unverwest) von der Kirche Nossa Senhora do Monte in die Wiener Kapuzinergruft stößt auf den Widerstand des Bischofs von Madeira. [23] Das erinnert einen an das Spottliedchen aus der Nachkriegszeit: ”Gott erhalte, Gott beschütze, unsern Renner, unsern Seits, und dazu, man kann nicht wissen, unsern Kaiser in der Schweiz.” |
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